
Der Biochemiker, Physiologe und Physiotherapeut Leo Pruimboom gilt als Begründer der klinischen Psychoneuroimmunologie (kPNI) und des Konzepts „Intermittent Living“. Letzteres zielt darauf ab, kleine natürliche physische und umweltbedingte Stressreize – sogenannte hormetische Reize – wieder bewusst in den Alltag zu integrieren, etwa durch kontrollierte Kälteexposition, Fasten oder den bewussten Verzicht auf ständige Verfügbarkeit, um die Gesundheit und Anpassungsfähigkeit des Körpers gezielt zu stärken.
Im Interview mit dem Magazin Yo Dona der spanischen Zeitung El Mundo beschreibt Pruimboom die moderne Gesellschaft als zunehmend „krank durch Komfort“. Der Mensch habe sich von natürlichen Lebensbedingungen entfernt und lebe heute in einer Umgebung, die von konstanter Temperatur, permanentem Nahrungsangebot und minimaler körperlicher Aktivität geprägt sei.
Seiner Einschätzung nach steht dieser Lebensstil im Widerspruch zur evolutionären Entwicklung des Menschen. Unsere Gene seien unter Bedingungen entstanden, die durch kurzfristige, intensive Herausforderungen geprägt waren – etwa Hunger, Kälte, Bewegung oder Infektionen. Diese Reize hätten die zentralen Regulationssysteme des Körpers – immunologisch, hormonell, neurologisch und metabolisch – geformt.
Heute hingegen fehle genau diese Art von Belastung. Die Konsequenz beschreibt Pruimboom im Interview klar: „Was nicht genutzt wird, geht verloren.“ Der Organismus verliere an Flexibilität, sowohl auf metabolischer als auch auf immunologischer Ebene. Daraus könne ein Zustand chronischer Grundentzündung entstehen, der Alterungsprozesse beschleunige und die Anpassungsfähigkeit des Körpers reduziere.
Kritisch äußert sich Pruimboom auch zur modernen Medizin. Diese habe große Fortschritte in der Akutversorgung erzielt, sei jedoch bei chronischen Erkrankungen häufig zu stark fragmentiert. Symptome würden isoliert behandelt, während die zugrunde liegenden Mechanismen oft unzureichend berücksichtigt würden. Er plädiert deshalb für eine integrative Betrachtung des Menschen, bei der verschiedene Körpersysteme nicht getrennt, sondern im Zusammenhang verstanden werden.
Im Gespräch betont er zudem, dass viele Diagnosen komplexe Zusammenhänge stark vereinfachen. Patienten kämen nicht in erster Linie, um eine Diagnose zu erhalten, sondern um die Ursachen ihrer Beschwerden zu verstehen. Entsprechend beschreibt er seine Arbeit als tiefgehenden Prozess, bei dem die individuelle Geschichte des Patienten im Zentrum steht.
Als Beispiel verweist Pruimboom auf mögliche Zusammenhänge zwischen Darmgesundheit und neurologischen Erkrankungen. Entscheidend sei, nicht nur das sichtbare Krankheitsbild zu betrachten, sondern die zugrunde liegenden Prozesse zu analysieren.
Neben biologischen Faktoren hebt er auch soziale Aspekte hervor. Besonders betont er die Bedeutung von sozialer Verbindung: Einsamkeit sei ein zentraler Risikofaktor für die Gesundheit und wirke sich stärker aus als viele klassische Einflussgrößen.
Auch Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Naturkontakt, Kreativität oder Sexualität würden in der medizinischen Praxis häufig unterschätzt, hätten aber laut Pruimboom einen relevanten Einfluss auf das körperliche und mentale Wohlbefinden.
Sein Fazit im Interview mit El Mundo: Gesundheit und Langlebigkeit entstehen nicht durch maximale Bequemlichkeit. Entscheidend sei vielmehr eine bewusste Rückkehr zu natürlichen Reizen und eine gewisse Form von „gewollter Unbequemlichkeit“. Nicht die reine Lebensdauer stehe im Vordergrund, sondern die Qualität der Lebensjahre.